Ein Tag in den Cotswolds
Von Sudeley Castle über Broadway bis Stow-on-the-Wold
Die Cotswolds sind eine Region im Herzen Englands, die für ihre wunderschöne Landschaft ausgezeichnet wurde – offiziell tragen sie sogar den Titel „Area of Outstanding Natural Beauty“. Und man versteht sofort, warum: sanft rollende Hügel, honigfarbene Steinhäuser und niedliche kleine Bilderbuchdörfer, wie sie einst schon J.R.R. Tolkien inspiriert haben sollen. Wer durch diese Gegend fährt, hat das Gefühl, geradewegs ins Auenland zu blicken.
Sudeley Castle – Geschichte zum Anfassen
Am Morgen besuchten wir zuerst Sudeley Castle, und ich war sofort begeistert. Das Schloss ist herrlich unaufgeregt und überhaupt nicht überlaufen. Die Gärten sind ein Traum: weitläufig, liebevoll gepflegt und mit lauschigen Ecken, in denen man Stunden verbringen könnte.
Am meisten hat mich aber die Geschichte fasziniert. Sudeley ist bis heute in Privatbesitz – seit dem 19. Jahrhundert in den Händen der Familie Dent-Brocklehurst. 1837 hatten die wohlhabenden Handschuhmacher-Brüder John und William Dent die damalige Ruine gerettet und eine ehrgeizige Restaurierung begonnen. Heute lebt hier Elizabeth, Lady Ashcombe, mit ihrer Familie. Die Geschichte dieser Familie wird einem im Schloss durch die verschiedensten Bilder und Porträts lebendig vor Augen geführt.
Und dann diese besondere Verbindung zu den Tudors: Hier auf dem Gelände wurden die Überreste von Katherine Parr entdeckt, der sechsten und letzten Frau von König Heinrich VIII. – jener Frau, die ihn überlebte. Sie wurde 1548 in der Kapelle St. Mary’s beigesetzt, doch nachdem das Schloss verfiel, geriet ihr Grab für über zweihundert Jahre in Vergessenheit. Erst 1782 stießen ein paar neugierige Damen bei einem Spaziergang durch die Ruinen zufällig wieder auf ihre letzte Ruhestätte. 1861 wurden ihre Gebeine schließlich in einem prächtigen Grabmal in der wiederhergestellten St. Mary’s Church auf dem Schlossgelände beigesetzt, wo sie bis heute liegen.
Im hinteren Teil der Gärten wird die Geschichte des Schlosses selbst anhand von Gemälden erzählt. Denn Sudeley war lange Zeit eine Ruine – eine sehr romantische – bevor es wieder zum Leben erweckt wurde. Genau diese Mischung aus verwunschener Vergangenheit und lebendiger Gegenwart macht den besonderen Zauber des Ortes aus.
Broadway – Entschleunigung pur
Danach ging die Fahrt weiter nach Broadway, und dieses kleine Dorf hat mich so richtig entschleunigt. Broadway bedeutet „breite Straße“ – und das ist sie tatsächlich. Die breite Hauptstraße, die den Kern des Ortes bildet, ist gesäumt von kleinen Geschäften, Cafés und Pubs, alle in dem typischen goldenen Cotswold-Stein.
Ich habe mich gefühlt, als wäre ich in eine andere Zeit versetzt worden. Ein Oldtimer parkte vor dem Hotel und verlieh dem Ganzen noch so richtig Atmosphäre. Ich saß auf einer Bank auf dem Village Green, ein Eis in der Hand, beobachtete diese friedliche Szene und habe sie einfach nur genossen.
Stow-on-the-Wold – auf Tolkiens Spuren
Unsere letzte Station war Stow-on-the-Wold, das höchstgelegene der Cotswold-Städtchen. Rund um den historischen Marktplatz drängen sich Antiquitätenläden, gemütliche Pubs und Teestuben – ein Ort, an dem man gerne bummelt und die Zeit vergisst.
Doch der eigentliche Grund, warum ich unbedingt hierher wollte, versteckt sich etwas abseits: die St Edward’s Church. An ihrer Nordseite befindet sich eine alte Holztür, flankiert von zwei uralten Eiben, die im Laufe der Jahrhunderte links und rechts des Eingangs emporgewachsen sind. Darüber hängt eine alte Laterne. Das Ganze wirkt, als wäre es einem Märchen entsprungen.
Und genau hier kommt Tolkien ins Spiel: Es heißt, diese Tür habe ihn zu den berühmten Toren von Durin inspiriert – dem West-Tor von Moria aus „Der Herr der Ringe“. Tolkien lehrte und studierte in Oxford und besuchte die Cotswolds bekanntlich immer wieder. Ganz belegt ist die Legende zwar nicht, aber wenn man vor dieser Tür zwischen den beiden Eiben steht, möchte man es einfach glauben. Man wartet fast darauf, dass sich das Steinportal öffnet, wenn man nur das richtige Zauberwort spricht: „Sprich, Freund, und tritt ein.“
Mein Fazit
Ein einziger Tag, drei ganz unterschiedliche Orte – und doch fühlt sich alles wie aus einem Guss an. Die Cotswolds sind genau das Richtige, wenn man dem Alltag entfliehen, in die Geschichte eintauchen und dabei ein bisschen träumen möchte. Ich komme auf jeden Fall wieder.


