
Ich war Ende Oktober bei einem Schreibretreat und dort ist folgende Geschichte entstanden, die auf Fakten besteht. Am letzten Abend saßen wir alle bei Kerzenschein zusammen und habe unsere Kurzgeschichten vorgelesen und die folgende teile ich nun mit euch:
Liebe Freunde,
ich befinde mich gerade auf einem Schreibretreat in Nordwales, in einem wunderschönen alten Haus, das irgendwann um die 1870er Jahre erbaut wurde – einer Zeit, in der die Menschen offenbar sowohl kleiner als auch deutlich schlanker waren. Mein Zimmer ist charmant auf diese „Victorian-Ghost-meets-Aga-Cooker“-Art: knarzende Dielen, hohe Sprossenfenster und ein Bett, das vermutlich seine eigene Ahnenreihe hat.
Das einzige Problem? Die Tür zu meinem eigenen kleinen Bad.
Es ist eine Art Hobbit-Portal – allerdings eindeutig für die schlanke, drahtige Sorte von Viktorianern entworfen, die von Tee und moralischer Zurückhaltung lebten. Ich hingegen bin weder drahtig noch zurückhaltend. Mit meinen 1,83 m und durchaus solider Statur muss ich diese Tür mit der Präzision eines LKWs ansteuern, der rückwärts in eine besonders unforderliche Parklücke manövriert.
Trotzdem habe ich es geschafft. Bis Wendy anfing, uns zu füttern.
Wendy ist unsere Gastgeberin, Köchin und, wie ich zunehmend überzeugt bin, eine wohlwollende Essenshexe. Seit unserer Ankunft hat sie es sich zur Aufgabe gemacht, dafür zu sorgen, dass kein Teilnehmer dieses Retreat hungrig – oder noch durch viktorianische Türrahmen passend – abreist.
Jeder Tag beginnt mit einem Frühstück, das problemlos eine walisische Rugby-Mannschaft satt machen könnte. Dann folgt ein Snack am Vormittag – ein einfacher Keks und eine Tasse Kaffee, was harmlos klingt. Doch dann kommt das Mittagessen: ein glorreicher Aufmarsch aus Suppen und Salaten, der leicht als mittelalterliches Festmahl durchgehen könnte.
Am Nachmittag beginnt der Widerstand zu bröckeln – denn dann erscheint der Cupcake. Nicht irgendein Cupcake, wohlgemerkt, sondern ein Kunstwerk. Der gestrige war Halloween-themed: ein Wirbel aus orangem Zuckerguss, gekrönt von einer winzigen Schokoladenfledermaus, so köstlich, dass es fast sündig war.
Dann folgt das Abendessen, komplett mit Wein und Dessert.
Es ist himmlisch. Es ist gefährlich. Und es beginnt, sich bemerkbar zu machen.
Gestern Abend, nach meinem vierten Löffel klebrigem Toffee-Birnen-Pudding, wollte ich mich in mein Zimmer zurückziehen. Ich erreichte meine sogenannte „Diättür“ – und hielt inne. Ein Moment des Zweifels. Ein Hauch von Furcht. Ich drehte mich seitlich, wie man es eben tut. Nichts. Ein kleines Wackeln. Ein sanfter Schubs. Dann gelang es mir, mit der Grazie einer gestrandeten Robbe hindurchzugleiten.
Aber heute Morgen ist es… enger.
Wenn dieses Festmahl so weitergeht, schätze ich, werde ich bis Freitag vollständig eingeklemmt sein. Die anderen werden mich dort finden, auf halbem Weg zum Badezimmer, eine Torte in der einen und ein Notizbuch in der anderen Hand, murmelnd über Reisegeschichten und persönliches Wachstum. Sie werden mich hinausbuttern müssen.
Heute Abend lesen wir unsere Geschichten vor. Die meisten arbeiten an herzergreifenden Memoiren, Geistergeschichten oder poetischen Betrachtungen der walisischen Landschaft. Meine hingegen ist ein Thriller geworden: Die expandierende Schriftstellerin und die schrumpfende Tür. Die Spannung ist real, der Einsatz ist hoch, und der Taillenumfang der Protagonistin äußerst glaubhaft.
Wenn Wendy mir morgen früh mein Frühstück reicht, werde ich tapfer lächeln, den Kopf schütteln und sagen: „Nein danke, ich muss an die Tür denken.“
Andererseits… mit Ahornsirup übergossene Pfannkuchen sind ziemlich überzeugend.
Falls ihr am Wochenende nichts von mir hört, schickt bitte Hilfe. Oder Butter. Oder vielleicht eine Türrahmenerweiterung.
Liebe Grüße
Britta
